MY BROTHER HEROIN

Meine Arbeit ist eine Suchbewegung entlang von Zusammenhängen, die sich mit Dringlichkeit in unserer Gesellschaft zeigen. Es sind vor allem jene Felder in denen der Mensch sich zwischen Überforderung, Abhängigkeit und Isolation oder Sehnsucht nach Entgrenzung bewegt: Drogen, Religion, Social Media. Meine Kindheit gab mir prägende Erfahrungen mit, durch meine beiden Brüder, die dem Heroin erlagen. – Seit 2014 setze ich mich mit diesen Inhalten mittels 3D Technologie, in Form von interaktiven Videos, mit Sprache aber auch mit Objekten auseinander. Mich beschäftigen Fragen des Vergessens und der Wiederholung. Wie kann ich Vergangenes in einen Zustand transferieren, der nicht in der ursprünglichen Situation gefangen bleibt? Kann ich der Überflutung von Bildern und Information entkommen und den Fundus produktiv nutzen?

Indem ich gesellschaftlich relevante oft tabuisierte Räume und zurückgelassene Spuren digital abtaste entsteht eine Balance von Präsenz und Absenz des Gesehenen. Die unzureichende 3D-Technologie der Technik lässt Lücken entstehen, die Räume fransen aus und scheinen sich gerade zu bilden oder sich aufzulösen. So stehen Erinnerung, Vergessen und Rekonstruktion gleichwertig nebeneinander, Vorgänge, denen ich permanent ausgesetzt bin. Meine Arbeiten wollen diese Zustände wachhalten und sie als emotionale plastische Erfahrung in Raum und Zeit beim Betrachter in Gang setzen. Ich möchte die Räume nicht nur beschreiben, sondern sie wiederholen und neu ordnen. Bei diesem Versuch entstehen unvertraute Räume denen ich vertraue. Sie scheinen mir offen für neue Geschichten, ohne ihre Herkunft zu leugnen.

In den räumlichen 3D Projektionen kann der Betrachter die Bilder manipulieren und gerät damit ins Bild hinein. Grössenverhältnisse und Entfernungen verlieren ihre Konstanten und lassen ihn taumeln. Dabei kann er sich der Instabilität aussetzen oder Stabilität neu herstellen und erfährt sich so an der Grenze seiner Selbstgewissheit. Es ist mir wichtig, dass körperliche und zugleich virtuelle Erfahrungen sich nicht ausschliessen. Der Bildraum entsteht zwischen Instabilität und Vorstellung. Bilder sind für mich Objekte der Erfahrung.

Neu interessiert mich Sprache, die ich in meinen Bildinstallationen einsetze. Dies können Begriffe und Namen von Orten oder Sprachfetzen aus bestehenden Dokumenten sein, die in Verbindung mit den Inhalten der Bild-Projektionen stehen. Die Sprachebene ermöglicht eine Erweiterung aber auch eine Störung der körperlichen Erfahrung.

Meine Objekte stehen ikonenhaft für tabubesetzte Inhalte. Die Wiederholung einer Spritze macht eine Dornenkrone. Sie hat in der der christlichen Leidensgeschichte schon ihren Platz und damit auch in der Kunstgeschichte. Abgegossen als einzelnes Objekt, mitsamt den umliegenden Hohlräumen, wird die Spritze zur imaginären Architektur, zu einem Mikromonument zwischen Vergessen und Erinnern.

2019