Platzspitz – Text

2016Platz Spitz
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Ein abrupter Heroinentzug ist nicht unbedingt lebensbedrohlich, aber die Betroffenen empfinden es als die Hölle. Der Entzug verursacht Muskel- und Knochenschmerzen, Krämpfe, Zittern, Schweißausbrüche wechseln sich ab mit Schüttelfrost, Schlaflosigkeit und Erbrechen. Der Entzug dauert bis zu einer Woche und die Verletzungsgefahr steigt wegen autoaggressivem Verhalten.

Folglich entsteht physisch wie psychisch ein schier unstillbares Verlangen nach dem erlösenden nächsten „Schuss“. In staatlich kontrollierten Entzugstherapien wird Heroin meist durch Methadon ersetzt, weil es billiger ist.

Die Methadon-Therapie macht die Abhängigen zu Patienten und lässt sie langsam über die Jahre hinweg dahinsiechen.

Je mehr der Ballon eine ideale Grösse erreicht, desto schärfer wird die darauf gerichtete Projektion. Kurz bevor der Ballon die ideale Grösse erreicht, berührt er die Spitze einer goldenen Glasspritze und platzt. Die Glasspritze ist entweder an einer Glasglocke montiert oder hängt so von der Decke herab, dass der Betrachter sie nicht auf den ersten Blick erkennt. Nach dem Platzen sieht man an der Wand dahinter nur noch unscharfe, bewegte Schemen. Die Prozedur wiederholt sich, der nächste Betrachter kann wiederum einen neuen Ballon aufblasen. Die Arbeit soll den Schmerz wachhalten, den Schmerz der Anderen, die dem Rauschmittel erlegen sind. Die Schicksale können durch ein Gästebuch mit Geschichten von Zeitzeugen ergänzt werden. Durch das Involvieren des Betrachters oder der Betrachterin, soll die Empathie angeregt werden, Drogenabhängige nicht als Randgruppe abzukanzeln, sondern als Einzelschicksale und Teil der Gesellschaft zu verstehen. Die Installation soll Fragen aufwerfen, wieso die Gesellschaft Schmerz vermeiden will. Die partizipative Installation ist kein Schlusspunkt, sondern dient dem künstlerischen Erforschen der unterschiedlichen Empfindungen und Reaktionen des teilnehmenden Publikums.

Sie werden träge und antriebslos. Die Lebensqualität der Betroffenen und das soziale Umfeld leiden darunter. Die Todesfälle will niemand an die grosse Glocke hängen.

Heute, gut zwanzig Jahre nach der Vertreibung der offenen Drogenszene, denken die meisten, es sei alles in Ordnung. Vereinzelt wagt sich ein Abtrünniger mit glasigen Augen und schleppender Stimme gegen den Strom der Geschäftigen zu laufen – das Betteln um ein paar Münzen hinterlässt meist nur ein fahles Gefühl von Ekel. Die Medien leisten ihren Beitrag, lassen die alten Bilder auferleben, der Schmerz gehört den Anderen.

Der Platzspitz ist als künstlerischer Mikrokosmos geplant, um sich dem Schmerz der Anderen zu nähern und einen fühlbaren Denkprozess anzustossen. Die Installation dient als Forschungsgrundlage, um Überlieferungen von Zeitzeugen und Folgen der Abhängigen zu sammeln. Die Installation bietet die Option zur Interaktion. Im Vorfeld gesammelte Videoaufzeichnungen werden als Rotoskopie auf einen grossen Ballon projiziert. Der Ballon ist an einer freistehenden Gasflasche montiert und die Besucher dürfen die Gaszufuhr in den Ballon selber regulieren.

Co Dr. phil. Miriam Loertscher